Alle Veranstaltungen finden statt an der Friedrich-Schiller- Universität Jena, Carl-Zeiß-Straße 3, Hörsaal 9, zum jeweils angegeben Datum um 20:00 Uhr.

Die Veranstaltungsreihe wird finanziell unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Studierendenrat der FSU Jena, dem LZAS (Loser Zusammenschluss aktiver Studierender) sowie dem Fachschaftsrat Politik/Soziologie der FSU Jena.

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Do, 15.11.2007
Theoriegeschichte
Michael Heinrich, FU Berlin/Prokla

Mi, 21.11.2007
Praxisgeschichte und Gewerkschaften
Georg Fülberth, Uni Marburg, i. R.

Mi, 12.12.2007
Klassen, Kämpfe, Staat
Alex Demirovic, Uni FfM/ z. Zt. TU Berlin

Mi, 19.12.2007
Feministisch denken mit Marx
Ariane Brenssell, Berlin

Mi, 16.01.2008
Post-Marxismus
Oliver Marchart, Uni Luzern

Mi, 23.01.2008
Rassismus und Migration
Manuela Bojadžijev, Goldsmith University of London/Kanak Attak

Mi, 13.02.2008
Kultur, Cultural Studies & kritische Pädagogik
Paul Willis, Keele University/GB


15.11.2007 Michael Heinrich
Theoriegeschichte

In den vergangenen 120 Jahren wurde Marx ganz unterschiedlich gelesen und verstanden. Verschiedene linke Strömungen und Parteien vereinnahmten seine Analyse der kapitalistischen Produktionsweise als Propagandamittel und Herrschaftsinstrument.
Im Anschluss an die popularisierenden Darstellungen der Marxschen Theorie bei Friedrich Engels und Karl Kautsky entstand ein „weltanschaulicher Marxismus“, der – in unterschiedlicher Weise – auch für „2. Generation“ von Marxisten mit Lenin, Luxemburg und Trotzki maßgeblich blieb. An die Stelle des Marxschen Unternehmens einer „Kritik der politischen Ökonomie“ trat ein umfassendes philosophisches und historisches System. Nach Lenins Tod wurde dieses System zum „Marxismus-Leninismus“ ausgebaut, mit dem vor allem die zunehmend repressiver werdende Herrschaft der kommunistischen Partei in der Sowjetunion gerechtfertigt wurde.
In den 1920er Jahren bricht der ‚westliche Marxismus’ durch Schriften von Georg Lukacs und Karl Korsch mit dieser Linie und bewertet den Marxschen Ansatz als kritisch-revolutionäre Theorie gesellschaftlicher Praxis. Auch die Vertreter der „Frankfurter Schule“ (Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse u.a.) knüpfen in ihren Schriften an eine solche undogmatische Auffassung des Marxismus an und wurden damit in den 1960er Jahren zu wichtigen Stichwortgebern einer Renaissance marxistischer Debatten in Westeuropa.
In dieser Auftaktveranstaltung wird Michael Heinrich einen Überblick über die verschiedenen Bestandteile, die Entwicklung und die Rezeptionen der Marxschen Theorie geben. Es wird nicht nur um den Unterscheid zwischen Marx und dem weltanschaulichen Marxismus gehen, sondern auch um das Verhältnis von Klassen und Klassenkampf und der Marxschen Fetischismusanalyse sowie um die Frage warum man vom jungen, mittleren und alten Marx spricht und was das alles mit dem Kapital zu tun hat.
Außerdem wollen wir fragen, was uns die Marxsche Analyse für die gegenwärtigen Verläufe von Politik, Wirtschaft und soziale Bewegung eigentlich bringt? Wie sieht die heutige Linke aus, die sich weder der klassischen Arbeiterbewegung noch dogmatischen kommunistischen Bewegungen zugehörig fühlt? Und welche Rolle spielt das Werk von Marx für die heutige Linke?

Michael Heinrich ist Politikwissenschaftler in Berlin und Redaktionsmitglied von PROKLA Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört neben der Marx-Forschung die Geschichte ökonomischer Theoriebildung und die Untersuchung der gegenwärtigen Entwicklung des globalen Kapitalismus. Als Handreichung zum ‚Kapital’ hat er „Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung“ veröffentlicht (Schmetterling Verlag 2004), weitere Texte auf www.oekonomiekritik.de.


21.11.2007 Georg Fülberth
Praxisgeschichte des Marxismus/ Arbeiterbewegung und Gewerkschaften

Gesellschaftstheorie ist keine Wissenschaft wie andere, denn Objekt und Subjekt sind hier nicht streng zu trennen: die Theorie ist ein Teil dessen, was sie untersucht. Zugleich unterliegt die theoretische Praxis jedoch ganz anderen Bedingungen als die praktische Praxis. Das gilt auch für die Marxsche Theorie. Die wenigsten lesen das „Kapital“, fühlen sich überzeugt und beginnen, ihren Alltag kritisch zu hinterfragen. Eigentlich gerade anders herum: wir machen Erfahrungen, die wir mit Hilfe von Theorien zu deuten und in größere Zusammenhänge zu bringen versuchen.
Welche Erfahrungen wollte Marx theoretisch aufarbeiten? Und was ging von seiner Theorie tatsächlich in die historische Arbeiterbewegung ein? Der nationale Schulterschluss von 1914, die misslungenen Revolutionsversuche 1918/19, das Versagen vor dem Nationalsozialismus und der rigide real existierende Sozialismus in der Ostzone legen die Vermutung nahe, Marx in die Praxis umzusetzen sei gar nicht möglich: die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit… Dem könnte man entgegnen: ohne Gewerkschaften, Massenstreiks und dem hart erkämpften Sozialstaat wäre alles noch viel schlimmer. Doch worum kämpfen Arbeiter – zunächst doch um Lohn, nicht um Kommunismus. Und für ein bisschen mehr Lohn lassen wir das mit der Kapitalismuskritik bleiben? Ist das mit Verbürgerlichung des Proletariats gemeint? Unter welchen Umständen könnten begrenzte Forderungen größere Tragweite gewinnen? Wie konkrete Veränderungen durchsetzen, aber an der Überwindung des Kapitalismus als Fernziel festhalten?
Der Erfolg von Kapitalismuskritik kann sich wohl kaum an der Größe des (Fremd-) Wortschatzes und der Menge ‚richtiger’ Einsichten bemessen. Wer hingegen linke Politik betreiben will, droht darin umzukommen. Gesellschaftskritik muss aber immer schon praktizieren, was sie erst noch verallgemeinern will; es bleibt die alte Frage: wie ist ein richtiges Leben im falschen möglich?
Angesichts der Transformation westlicher Sozialstaaten und neuer Formen von Produktion und Arbeitsorganisation scheint momentan weniger Verbürgerlichung als wiedergekehrte Armut das Problem. Was ist das bestimmende Moment am gegenwärtigen Kapitalismus, so dass eine Umorientierung unter seinen GegnerInnen nötig wird? Welche Bedeutung kommt etwa den Versuchen zu, Gewerkschaften als soziale Bewegungen neu zu begründen?
Georg Fülberth war bis 2004 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Entwicklung des Kapitalismus (zuletzt „G Strich. Kleine Geschichte des Kapitalismus“, Papyrossa 2005), Geschichte der Linken, Arbeiterbewegung und Gewerkschaften.


12.12.2007 Alex Demirovic
Klassen, Kämpfe, Staat

Und was immer ich auch noch lerne
Das bleibt das Einmaleins:
Nichts habe ich jemals gemeinsam
Mit der Sache des Klassenfeinds.
Das Wort wird nicht gefunden
Das uns beide jemals vereint:
Der Regen fließt von oben nach unten
Und du bist mein Klassenfeind.
Am Ende von Brechts „Lied vom Klassenfeind“ hat sich der Arbeiter aller Zweifel, trügerischer Versprechen und Illusionen entledigt: die Gewissheit, im Lager der Proleten zu stehen, scheint ihm Kraft für kommende Auseinandersetzungen zu geben. Heute ist es hingegen immer etwas peinlich, wenn jemand vom Proletariat spricht. Die verbreiteten Vorstellungen von schwitzenden Arbeitern, die auf dem Weg vom Werkstor in die Siedlung die ‚Internationale’ trällern, sind mit unseren Alltagserfahrungen nur schwer überein zu bringen. Ebenso abwegig ist es, eine einheitliche Kapitalistenklasse anzunehmen, die sich Politiker ‚kauft’, um die ihr genehme Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber auch Marx hat die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse ja nicht lediglich am Besitz oder Nicht-Besitz von Produktionsmitteln festgemacht. Nur weil es heute viele Selbständige und Kleinunternehmer gibt, muss die Klassentheorie noch nicht hinfällig sein. Anhand welcher Kriterien kann aber dann überhaupt von einer Teilung der Gesellschaft in Klassen gesprochen werden? Und was bedeutet es, Teil einer Klasse zu sein? Unter bestimmten Bedingungen, so Marx, kann eine strukturell bestimmte Klasse ‚an sich’ zur historischen Klasse ‚für sich’ werden, also ein Selbstbewusstsein als kollektiver Akteur erlangen. Was sind solche Bedingungen?
Weiterhin wäre es irrsinnig anzunehmen, Klassenbewusstsein hieße, alle denken das gleiche – aber wie kann man sich das Verhältnis von Konflikten innerhalb der Klasse zu einem möglichen gemeinsamen Interesse vorstellen? Wenn es so etwas gibt – worin besteht das ‚gemeinsame Interesse’?
Den Staat hat Engels als ‚ideellen Gesamtkapitalisten’ bezeichnet, weil staatlicherseits die rechtlichen, materiellen und ideologischen Bedingungen der kapitalistischen Dynamik geschaffen werden. Der Staat ist demnach nicht das Instrument einer bestimmten Gesellschaftsgruppe, sondern über die Klassengrenzen hinweg Bedingung für das Weiterbestehen der Welt, wie sie ist. Andererseits ist er Kampfplatz, auf dem auch die unteren Klassen um ihre Rechte – und das sind oftmals zugleich ihre eigenen Verwertungsbedingungen – streiten. Wie ist die Bedeutung des Staates im Zusammenhang mit den Klassengegensätzen zu verstehen? Welche Veränderungen ereignen sich, wenn souveräne Nationalstaaten tatsächlich – wie immer behauptet wird –, im Prozess der Globalisierung an Bedeutung verlieren?
Alex Demirovic ist z. Zt. Gastprofessor am Institut für Politikwissenschaft an der TU Berlin. Er arbeitet und veröffentlicht zur kritischen Theorie (u. a. „Der nonkonformistische Intellektuelle, Suhrkamp 1999), Staats- und Demokratietheorie.


19.12.2007 Ariane Brenssell
Feministisch denken mit Marx

Dreh- und Angelpunkt der Marxschen Analyse ist der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Alles andere wird daher schnell zum Nebenwiderspruch erklärt, das gilt auch für die Geschlechterverhältnisse. Geschlechter(un)gerechtigkeit ist solch ein vermeintlicher Nebenwiderspruch, der sich mit Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse und der Herausbildung eines solidarischen Kommunismus, von alleine auflösen wird. Soweit die gängige Marx-Rezeption.
Ohne Frage steht die Analyse der Klassengesellschaft und die kapitalistische Produktionsweise im Zentrum Marxscher Theorie. Im Kapital beschäftigt er sich vor allem mit den Zusammenhängen der industriellen Produktionsweise, um das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen. Für die Theorie über die Produktion des Mehrwerts und der Formbestimmung von Gebrauchswert und Tauschwert bildet der Marxsche Arbeitsbegriff die Grundlage. Der Fokus liegt hierbei auf der (männlichen) betrieblichen Lohnerwerbsarbeit, die außerbetriebliche Reproduktionsarbeit bleibt außen vor. Der private Raum und damit vor allem Frauen werden aus der Analyse ausgeschlossen, die Strukturen der Geschlechterungleichheit bleiben ebenso unbeleuchtet.
Die Frage der Geschlechterverhältnisse sucht nach den Zusammenhängen zwischen der Produktion des Lebens und der Produktion der Lebensmittel sowie ihrer Einbettung in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dies wird in der Marxschen Analyse zwar kurz erwähnt, nicht jedoch systematisch untersucht. Ignoriert Marx mit der Zentral-Stellung der Lohnarbeit die unbezahlte Hausarbeit von Frauen? Wir fragen uns, welche Rolle die Geschlechterfrage für den Kapitalismus spielt? Handelt es sich um eine vorkapitalistische, askriptive Spaltungslinie, die schließlich mit der Entfaltung kapitalistischer Produktionsweise überwunden wird – nach dem Motto: vor dem Kapital sind alle gleich? Oder spielen die Geschlechterverhältnisse für die kapitalistische Produktionsweise doch eine größere Rolle als oft gedacht? Wie äußern sich geschlechtsspezifische Unterdrückungen heute?
In dem Vortrag von Ariane Brenssell wird es auch um die Bedeutung der Marxschen Theorie für die feministische Forschung gehen, zum anderen um die Bedeutung der feministischen Theorie für den Marxismus. Wir wollen fragen, ob das Marxsche Instrumentarium zur Analyse des Zusammenhangs von Familien- und Hausarbeit und Mehrwertproduktion ausreicht oder ob es Lücken in der Reichweite aufweist? Wo muss Marx korrigiert oder weiter gedacht werden, um den aktuellen Kapitalismus zu verstehen? Wie kann man mit Marx globalisierungskritisch feministisch denken?
Ariane Brenssell ist kritische Psychologin und aktiv im Antipatriarchalen Netz Berlin. Sie arbeitet zu Alltag und Geschlechterverhältnissen im Neoliberalismus sowie zum Zusammenhang von Geschlechterverhältnissen und Krieg. Zuletzt erschien von ihr „Feminismus“ In: Uli Brand/Bettina Lösch/Stefan Thimmel (Hg.): ABC der Alternativen, Hamburg 2007


16.01.2008 Oliver Marchart
Post-Marxismus

„Wenn das Marxismus ist, bin ich kein Marxist“, so Marx in einem Brief an seinen Schwiegersohn Paul Lafargue. In diesem Sinne bedeutet Post-Marxismus zunächst die Zurückweisung des Weltanschauungsmarxismus sowie des ökonomischen Reduktionismus. Mit Weltanschauungsmarxismus sind Versatzstücke Marxscher Theorie gemeint, die innerhalb der historischen Arbeiterkultur zirkulierten, dort aber den Status einer Heilslehre annahmen, die der Überbietung des bürgerlichen Wertesystems dienen sollte; statt an den Klassenkampf glaubte man nun an das allmähliche „Hineinwachsen in den Sozialismus“ (Eduard Bernstein). Ökonomischer Reduktionismus bezeichnet die unter marxistischen Intellektuellen der zweiten und dritten Internationale weit verbreitete Auffassung, der Sozialismus sei die notwendige Folge objektiver Widersprüche in der kapitalistischen Produktionsweise. Beide Lesarten des ‚Marxismus’ unterschätzen den subjektiv-politischen Aspekt der Marxschen Revolutionstheorie.
Soweit kann sich der Post-Marxismus auf den ‚eigentlichen’ Marx berufen. In einem spezifischeren Verständnis des Begriffs geht es jedoch um die Kritik von Kernelementen des Marxschen Werks durch poststrukturalistische Theorieansätze. Unter Berufung auf französische Autoren wie Derrida oder Lacan problematisieren Postmarxisten die Vorstellung von gesellschaftlicher Totalität sowie die Klassen- und Revolutionstheorie. Um die Substanzlosigkeit, aber auch die Umkämpftheit des Sozialen theoretisch in den Griff zu bekommen, soll nicht länger die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit der Untersuchungsgegenstand sein, sondern die Vielzahl konkurrierender Diskurse. Revolution ist für Postmarxisten nicht der von einer Klasse initiierte Bruch mit der sozialen Ordnung, der die Menschheit in ihre authentische Daseinsform überführt, sondern der unendliche Streit um die Hegemonie im Feld politischer Diskurse. Damit erfährt das Politische eine Aufwertung innerhalb marxistischer Debatten. Das politische Terrain erstreckt sich nunmehr über die institutionellen Grenzen hinaus auf die allerorts geführten Auseinandersetzungen um die Verallgemeinerbarkeit sozialer Ansprüche. Im Bewusstsein permanent aufbrechender Bedeutungsüberschüsse in diskursiven Ordnungen gehen Postmarxisten davon aus, dass auch emanzipatorische Politik niemals frei von Machtansprüchen ist und ihre Ziele niemals vollständig realisiert werden können. De sich anschließende Frage ist natürlich, wer überhaupt das politische Subjekt einer so gedachten emanzipatorischen Bewegung sein kann.
Oliver Marchart ist Professor am soziologischen Seminar der Universität Luzern. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der politischen Theorie (Hegemonie- und Demokratietheorie, Cultural Studies). Zuletzt veröffentlichte er „Neu beginnen. Hannah Arendt, die Revolution und die Globalisierung“ (Turia & Kant 2005).


23.01.2008 Manuela Bojadžijev
Rassismus und Migration

Was kritische Theorie von der üblichen sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis unterscheidet ist der Anspruch, eine Theorie der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu entwerfen. Marx schrieb selbst, er habe Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise in „ihrem idealen Durchschnitt“ dargestellt, also Gesetze formuliert, die sich in historisch je spezifischer Art und Weise konkretisieren, aber so lange gelten, wie es Kapitalismus gibt. Es wäre demnach unbefriedigend, die Erklärungsreichweite Marxscher Theorie auf im engeren Sinne ökonomische Fragen zu begrenzen, etwa auf die Debatte um Mindestlöhne, bei den Themen Rassismus und Antisemitismus aber die Nichtzuständigkeit zu erklären.
Die nahe liegenden und scheinbar Marx-kompatiblen Erklärungen gehen davon aus, dass rassistische Täter von einem ‚Profitmotiv’ angetrieben werden. Derartige ‚Argumente’ sind nicht nur platt, sondern in den seltensten Fällen zutreffend.
Entscheidend ist die Art und Weise, in der Ökonomie und ökonomische Handlungskontexte verstanden werden. Wie muss ein Begriff von Kapitalismus aussehen, der Rasse nicht auf Klasse reduziert, der also beachtet, dass die Spaltung in verschiedene ‚Rassen’ quer zur Differenzierung nach Produktionsmittelbesitz verläuft? Und wie ist es unter Zuhilfenahme von Marx möglich, rassistische Angriffe nicht als fehlgesteuerte Sozialkritik und Antisemitismus nicht als den „Sozialismus der dummen Kerls“ (August Bebel) zu verharmlosen?
Weitere Fragen, die uns in der Veranstaltung interessieren werden: Wie ist die Herausbildung rassistischer Ausschließungspraxen mit der historischen Entwicklung des Kapitalismus verknüpft? Was hat es mit Marx’ und Engels’ vermeintlicher Apologetik des Kolonialismus auf sich – ist der Kapitalismus auf dem Weg zum Kommunismus eine so unvermeidliche Stufe, dass es gerechtfertigt ist, die „faulen Mexikaner“ und andere „Völkerabfälle“ (Engels) mit Gewalt auf den Weltmarkt zu bringen? Worin besteht die Funktionalität des Rassismus für den Kapitalismus? Müsste man nicht abseits ökonomischer Kontexte ganz andere Erklärungsansätze für rassistische Ausgrenzung stärker gewichten, etwa solche sozialpsychologischer oder psychoanalytischer Art, die auf die Bedürfnisse und Ängste abstellen, die quasi rassistisch bearbeitet werden? Sind diese Erklärungen verträglich mit dem Gesellschaftsbegriff von Marx?
Manuela Bojadžijev ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet am Department of Sociology, Goldsmiths, University of London. Im Rahmen des Kanak-Attak-Netzwerks hat sie sich mit Arbeitsmigration, Illegalisierung von MigrantInnen und antirassistischen Gegenstrategien beschäftigt. Sie ist Mitglied der Sound Art Gruppe Ultra-red, mit der sie z. Zt. an einem Projekt zu Rassismus in England arbeitet. Aktuelle Veröffentlichungen: „Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas“ (transcript 2007) und „Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration“ (Westfälisches Dampfboot 2007).


13.02.2008 Paul Willis
Kultur, Cultural Studies & Kritische Pädagogik

Kultur ist eines jener „essentially contested concepts“ – alle reden davon, selten ist klar, wie und wofür. In Artefakten gedacht geht es bei Kultur um Hubertushirsch und Sammeltasse hier, Kandinsky und Bücherwand dort. Die einen bekommen ein volkskulturelles U (Unterhaltung), die anderen ein hochkulturelles E (Ernst) verpasst. Oder Kultur wird als Kulturindustrie und marktförmige Zurichtung von Freizeitaktivitäten diskutiert. Eine flüchtige Lektüre ausgewählter Stellen bei Marx kann den Eindruck hinterlassen, Kultur gehöre seines Erachtens zum Überbau der Gesellschaft, der durch die ökonomische Basis bestimmt und in seiner Geltung immer nur abgeleitet sei.
Die Cultural Studies wurden in England begründet mit der Absicht, einen Kulturbegriff zu entwickeln, der weder das von sozialen und ökonomischen Verhältnissen entkoppelte Wahre, Gute und Schöne noch den mechanisch von den Produktionsverhältnissen abgezogenen Kunstgeschmack meint. Kultur wird aus dieser Perspektive vielmehr als Alltagspraxis verstanden. Zur Kultur gehören dann alle Arten und Weisen, wie bestimmte gesellschaftliche Gruppen ihren sozialen Ort bestimmen und wie sie ihren Lebensverhältnissen Sinn und Bedeutung abgewinnen. Es ist nämlich davon auszugehen, dass die Menschen sich ihrer sozialen Umwelt nicht einfach anpassen, sondern aktiv eine Verbindung herstellen, die vorgefundenen symbolischen Ressourcen erkunden und sie sich kreativ aneignen. Kultur ist nicht herrschaftsfrei, aber die Subjekte bauen sich aktiv und eigensinnig in Herrschaftsstrukturen ein; sie übernehmen nicht einfach, was ‚von oben’ kommt. So kann es sein, dass kulturelle Ausdrucksformen sich widersprechen, etwa ebenso Ausdruck von Anpassung wie Subversion und Widerstand sind.
Für die Ausbildung kultureller Praktiken spielen Lernprozesse eine wichtige Rolle. Ob kritische Politik sich auf Pädagogik und Bildungsarbeit konzentrieren sollte und mit welchen Aussichten, ist eine weitere Frage, die in dieser Veranstaltung diskutiert werden soll.

Paul Willis outlines some of the findings of his classic Study LEARNING TO LABOUR emphasising those analytic points which remain highly relevant today for understanding the schooling of the working class and the relation of the `cultural level` to economic organisation. He goes onto identify how `New Times` have brought some opportunities but also catastrophic change for the working class in general with clear effects on their lived cultures and cultural experiences in school.

This lecture will be in English.

Paul Willis ist Professor für Social/Cultural Ethnography an der Keele University in Staffordshire/Großbritannien. Er hat am Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham geforscht. In „Learning to Labour. How Working Class Kids Get Working Class Jobs“ (1977, dt. „Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule“) hat er eindrucksvoll beschrieben, wie Arbeiterjugendliche in ihrer kulturellen Praxis Protest und Unterordnung zugleich zum Ausdruck bringen. Diese klassische Studie haben Willis u. a. 2004 einer Rückschau und Aktualisierung unterzogen („Learning to Labour – in New times“, Routledge).