Allenthalben ist von der „neuen Unterschicht“ die Rede. Feuilleton wie Gesellschaftswissenschaften haben die Klassengesellschaft wiederentdeckt – zumindest die Unterklasse, der im Allgemeinen verblödender Fernsehkonsum, schlechte Ernährung, unmäßiger Zigarettenkonsum und Vielkinderei nachgesagt wird.

Während von sozialen Klassen – wie verzerrt auch immer – durchaus die Rede ist, wird Karl Marx an der Uni bestenfalls als Klassiker diskutiert. Dabei war er es, der die Spaltung in Klassen als Prinzip sozialer Ungleichheit vor allen anderen problematisiert hat. Das scheint jedoch auch jenseits akademischer Pflichtübungen kaum von Interesse zu sein: für soziale Bewegungen und gesellschaftskritische Politik ist Marx entweder ein verbohrter Dogmatiker oder ein fehlerloser Heiliger, selten jedoch sind seine Analysen Gegenstand kritischer Debatten.

Dabei ist es ja nicht so, dass der stumpfsinnige (Uni-) Alltag nicht auch als stumpfsinnig empfunden wird. Und Kapitalismus erfahren wohl die wenigsten als einen Segen. Im Gegenteil: Kampagnen gegen Studien- und Verwaltungsgebühren oder die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm haben gezeigt, dass hier ein erhebliches Konfliktpotential besteht. Grund genug, nach Möglichkeiten zur Deutung einer sozialen Wirklichkeit zu fragen, die immer wieder Unzufriedenheit, Unrecht und Missstände mit sich bringt, Protest aber ebenso oft scheitern lässt. Um die Welt verändern zu können, muss man sie allererst verstehen und das Marxsche Werk kann für diesen Verständnis- und Verständigungsprozess noch immer anregend sein.

Mit der Veranstaltungsreihe soll die Debatte um Klassengesellschaft und Kapitalismuskritik vorangebracht werden; die Frage nach der Angemessenheit Marxscher Kategorien sowohl bezüglich der Kritik politischer Ökonomie als auch hinsichtlich politischer Eingriffe steht im Zentrum.

Die Vorträge werden sich mit den Spaltungslinien auseinandersetzen, entlang derer sich soziale Ungleichheit artikuliert: Klassengegensätze, asymmetrische Geschlechterdifferenzen, rassistische Ausschlussmechanismen. Es wird darum gehen, ob sich aus der Perspektive des historisch-materialistischen Gesellschaftsbegriffs die verschiedenen Ungleichheitsverhältnisse in ihrer Wechselseitigkeit und Durchdringung erfassen lassen.

In weiteren Vorträgen wird die Verknüpfung Marxscher Theorie mit poststrukturalistischen Ansätzen in den Blick genommen und mit dem Thema Kultur das bekannte Basis-Überbau-Schema problematisiert. Eingeleitet wird die Reihe von Veranstaltungen zur Theorie- und Praxisgeschichte des Marxismus.

Die Vorträge sollen sowohl die akademische Debatte aufgreifen als auch die Brücke zur Praxis sozialer Bewegungen schlagen. Das Programm wird zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Marx weder trocken oder langweilig sein muss noch umfassende Vorbildung verlangt oder im Stile einer Kaderschulung daherkommen muss. Aber: „Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.“ (Marx)

Insofern sollen sich von der Veranstaltungsreihe auch diejenigen angesprochen fühlen, die Angst vor ‚hoher Theorie’ haben. Manchmal ist es gut, Sprünge mitzumachen, die sich in vollem Umfang erst (einige Semester) später erklären…

Download des Plakats hier